„Asylgegner“ rufen „Sieg Heil“ – Die Berichterstattung über Freital

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag veröffentliche Spiegel Online erstmals einen Eigenbericht über die Ereignisse in Freital. Es war die dritte Nacht infolge, in der ein Mob aus bürgerlichen Rassisten und Nazi-Holigans vor dem dortigen Flüchtlingsheim „Kriminelle Ausländer raus“ brüllte und in der sich linke Aktivisten vor das Heim stellten, um die Bewohner vor Übergriffen zu schützen. Unter dem Titel „Pöbel-Pingpong im Pegida-Land“ ist eine Reportage erschienen, die das Geschehen als „Streit“ zwischen zwei rivalisierenden Gruppen in einer Kleinstadt beschreibt. „Seit Wochen bekriegen sich Gegner und Befürworter des Asylbewerberheimes“, scheibt der Autor, dabei könnten sie doch auch einfach mal „miteinander diskutieren“ und „ihre Argumente austauschen“. Zwar benennt er die hasserfüllten Parolen, die an diesem Abend von Rechtsradikalen gebrüllt wurden, deutlich. Doch den Protest „bierbäuchiger Antifa-Anhänger“ findet er auch irgendwie skurril. Am Ende seines Textes lässt er einige Heimbewohner durch die Szenerie spazieren, die „die starre Trennung in Gegner und Befürworter des Flüchtlingsheimes durchbrechen“. Angst vor rassistischen Ausschreitungen, so lautet die Botschaft dieses Absatzes, haben die Flüchtlingsaktivisten vor dem Heim. Die Asylsuchen sind ganz relaxed, fühlen sich „wunderbar“ und haben sich „noch nie so sicher gefühlt wie hier“.

Der Spiegel-Online-Artikel ist ein gutes Beispiel für ein Narrativ, das sich wie ein roter Faden durch viele Freital-Berichte der vergangenen Woche zieht. Die Geschichte wird erzählt als Konflikt zwischen zwei gegensätzlichen politischen Lagern, die vor einer Flüchtlingsunterkunft aufeinandertreffen und sich dort wechselseitig anpöbeln. Die Tagesschau sprach von „Befürwortern“ und  „Gegnern des Asylbewerberheimes“. Die Süddeutsche Zeitung fasste zusammen:

Die Proteste vor einer dortigen Asylbewerberunterkunft dauern an. Seit Montag kommt es jede Nacht zu Auseinandersetzungen zwischen Asylgegnern und Gegendemonstranten.

„Gegendemonstranten“ gegen „Asylgegner“ – also im Grunde Gegen-Gegendemonstranten? Die dpa schickte über den Ticker:

Die Polizei trennte beide Gruppen, die sich immer wieder lautstark gegenseitig als „Nazis“ oder „Linksfaschisten“ beschimpften. Zu Zwischenfällen kam es nicht.

Die Zeit formulierte:

Zwei Lager stehen sich gegenüber, die halbe Nacht, es fliegen Parolen, Schimpfwörter, manchmal auch Eier und Flaschen hin und her. Die einen sagen „Nein zum Heim“, die anderen „Ja zu Flüchtlingen“. Mal wieder ist vor einem sächsischen Asylbewerberheim der Teufel los.

Zwar wird in vielen Berichten detailliert beschrieben, welcher Hass den neuankommenden Flüchtlingen entgegengeschleudert wird. Doch durch die Erzählweise von den beiden rivalisierenden Lagern ziehen sich Journalisten auf eine pseudo-neutrale Position zurück. Es ist, als hätten sie und der Rest der Gesellschaft nichts damit zu tun, wenn in Freital ein brauner Mob ein Flüchtlingslager belagert; es ist, als ginge es um eine Frage, bei der Menschen eben unterschiedlicher Meinung sein können, die einen sind halt für eine Umgehungsstraße, die anderen sind dagegen, die einen sind „Befürworter“ und die anderen „Gegner des Asylbewerberheimes“. In diesem Fall aber sind die einen gegen Menschen; sie hassen die Fremden, die man in ihre Stadt gebracht hat, wollen sie alle „raus, raus, raus!“ haben. Ist diese scheinbare Neutralität, die letztlich zur Aufwertung der einen Seite und die Abwertung der anderen beiträgt, wirklich angemessen?

Aufschlussreich sind die vielen neuen Begrifflichkeiten, die in der Freital-Berichterstattung auftauchen, um das Wort „Rassismus“ zu vermeiden: „Asyl-Kritiker“, „Asyl-Gegner“ und „Anti-Asyl-Proteste“ auf der einen Seite, „Asyl-Befürworter“ und „Pro-Asyl-Teilnehmer“ auf der anderen. Diese Bezeichnungen sind schon deshalb gruselig, weil sie nahe legen, in Freital würde gerade ein Konflikt um das Asylrecht ausgetragen. Auch wenn wir seit Rostock-Lichtenhagen wissen, wie schnell das Asylrecht zur Disposition gestellt werden kann – noch handelt es sich immerhin um ein Grundrecht. Würde man Politiker, die die Wiedereinführung einer Zensur fordern, als Pressekritiker bezeichnen? Millionäre, die sich für ein Zensuswahlrecht einsetzen, als Wahlrechtskritiker? Und Männer, die Frauen qua Gesetz an den Herd verbannen wollen, als Gleichberechtigungskritiker? Selbstverständlich nicht. Aber wer seine Herrenmenschenfantasien auf Flüchtlinge projiziert, kann hierzulande schon mal als „Asylkritiker“ durchgehen.

Einen Mini-Shitstorm auf Twitter handelte sich der MDR am Freitag ein, als er die Nazi-Hooligans, die an diesem Abend in Freital unterwegs waren, als „Asylkritiker“ bezeichnete. Tatsächlich ist der Online-Redaktion des Senders dieser sprachliche Euphemismus nicht zum ersten Mal unterlaufen. Aus dem MDR-Ticker von Freitagabend:

Freital_MDR_Asylkritiker

Bei den aufgeschlitzten Reifen ging es übrigens, um im sprachlichen Bild zu bleiben, um die Autos der“Asylbefürworter“, und tatverdächtig waren die „Asylkritiker“, die u.a. durch „Sieg-Heil“-Rufe und Flaschenwürfe aufgefallen waren. Der MDR übernahm hier die Sprachregelung der Polizei Sachsen, bei der auch „kriminelle-Ausländer-raus“-Sprechchöre in die Kategorie „sich asylkritisch äußern“ fallen. Selbst der Hitlergruß scheint als asylkritisches Statement durchzugehen, das Polizisten allerdings strafrechtlich ahnden müssen. Durch unkritische Rezeption des Polizei-Jargons und die Übernahme von Eigenbezeichungen rechter Bewegungen schleicht sich diese verharmlosende Wortkreation immer häufiger in die Berichterstattung ein.

Das ist nicht zuletzt ein Verdienst der „Pegida“-Bewegung, die über einen langen Zeitraum mal mehr, mal weniger bedacht als „islamkritisch“ bezeichnet wurde – und teilweise bis heute wird. Trotz der fortwährenden Radikalisierung auch am Dresdner Ursprungsort bereichnete die dpa die Fremdenfeinde noch im März als „Islam- und Asylkritiker“, der MDR noch im April, die Sächsische Zeitung fand diese Bezeichnung noch im Mai angebracht, und es gäbe viele weitere Beispiele. Allmählich wurde dieses Etikett dann auf aggressiv-fremdenfeindliche Bewegungen wie die in Freital übertragen.

Dass „Kritiker“ möglicherweise eine etwas unpassende Bezeichnung ist für Leute, die andere „hängen sehen“ wollen und finden, dass sich all jene aus Deutschland zu verpissen haben, die es nicht aufrichtig genug lieben, wurde in der vergangenen Woche immer offensichtlicher und daher verstärkt auf das Wort „Asyl-Gegner“ zurückgegriffen. Auch dabei kamen eine Reihe von drolligen Meldungen zustande. Aus der „Leipziger Volkszeitung“:

Im Anschluss an eine Demonstration zur Unterstützung von Flüchtlingen in Freital bei Dresden sind abreisende Teilnehmer von mutmaßlichen Asyl-Gegnern angegriffen worden.

Die Mitteldeutsche Zeitung hat sich immerhin das „mutmaßlich“ geschenkt:

Von Asyl-Gegnern angegriffen – Attacke auf Flüchtlingsunterstützer nach Demo in Freital

Die Dresdner Neusten Nachrichten:

Asylgegner belagern in der Nacht Flüchtlingsunterkunft

ntv.de:

Asylgegner verhöhnen Flüchtlinge

Kölner Stadtanzeiger:

Asylgegner pöbeln vor Flüchtlingsunterkunft

Focus Online

Asylgegner beleidigen Polizisten und rufen „Sieg Heil“

Es scheint eine fast schon pathologische Abneigung in weiten Teilen der Medien dagegen zu geben, diejenigen, die in Freital gegen den Zuzug einiger weniger Ausländer Amok laufen, als das zu bezeichnen, was sie sind: Rassisten, Ausländerhasser, Fremdenfeinde, Rechtsextremisten, Neonazis. Der Begriff „Asylgegner“ vermittelt, dass der eigentliche Bezugspunkt dieser Leute juristische Normen seien und verschleiert, dass sich ihre Ideologie ganz konkret gegen Menschen richtet. Deswegen verwenden fremdenfeindliche Bewegungen die Vokabel als Eigenbezeichnung, und man tut ihnen einen großen Gefallen, wenn man sie unreflektiert übernimmt. Doch eindeutige Bezeichnungen werden in der Berichterstattung häufig in Anführungsstriche gesetzt, um sich bloß von der Sichtweise der linken Aktivisten vor dem Heim zu distanzieren:

Sie wolle Freital vor den „Rassisten“ schützen, daher stünden sie und ihre rund 60 Mitstreiter auf dem Schotterplatz vor dem „Leonardo“. (Spiegel Online)

Nur eine Handvoll Menschen blieb am Heim zurück, um es nach eigenen Angaben gegen Angriffe „der Rechten“ zu schützen. (Süddeutsche.de in Anlehnung an Agenturmaterial)

Ein Kommentar in der Süddeutschen suggerierte gar, der Versuch, 400 Flüchtlinge aus einer Stadt fernzuhalten, die immerhin 40.000 Einwohner zählt, sei keinesfalls im Kern rassistisch motiviert. Die „Gegner der Unterkunft“ hätten sich nur rechtzeitig von den aggressiven Leuten mit den demagogischen Parolen distanzieren müssen:

Freital, eine Stadt in Sachsen, erlebt seit Monaten ein Duell. Es stehen sich gegenüber: Befürworter und Gegner der Asylbewerber-Unterkunft im ehemaligen Leonardo-Hotel (…). Die Gegner der Unterkunft haben verloren, weil sie Rassisten in ihren Reihen zulassen, und unter denen auch solche, deren Gemüt noch leichter zu entflammen ist als die Zündschnur der Böller, die sie bei sich tragen.

Solche Formulierungen zeigen, wie wenig manche die Dimension des Problems verstanden haben: Jede einzelne der unzähligen Bürgerbewegungen, die in Sachsen und anderswo gegen den Zuzug von Flüchtlingen mobil machen, lebt vom Ressentiment. Das heißt nicht, dass man nicht versuchen müsste, Vorurteile bei denjenigen abzubauen, bei denen das noch möglich ist. Aber der  Ansatz, diese Leute in Rassisten und besorgte Bürger mit berechtigten Anliegen einzuteilen, verharmlost die Gefahr. Folgerichtig wirft der Kommentator den Flüchtlingsaktivisten vor, die Sache zu dramatisieren:

Die Befürworter wiederum leisten mit ihrem Gegenprotest zwar wichtige Arbeit. In ihrer Wortwahl aber tragen einige von ihnen zur Eskalation bei. Wer von „Pogromstimmung“ spricht, wenn Geistesschwache Parolen rülpsen, der heizt die Stimmung an, er mobilisiert damit auch die Gegenseite. (Und nein, ein bestimmtes Wort zu kritisieren, bedeutet nicht, rassistischen Protest zu verharmlosen.)

Ein „bestimmtes Wort zu kritisieren“ ist selbstverständlich keine Verharmlosung, angesichts der Übergriffe in Freital zu behaupten, dass dort lediglich „Geistesschwache Parolen rülpsen“, aber sehr wohl. Drei Asylsuchende wurden in den vergangenen Monaten auf offener Straße zusammengeschlagen, einer von ihnen bis zur Bewusstlosigkeit. Ein Stein wurde durch das Fenster der Unterkunft geworfen und traf einen Bewohner am Kopf, ein Brandanschlag auf das Heim wurde vereitelt – diese Liste ist unvollständig. Und das alles soll nicht weiter dramatisch sein?

Da, wo die „Asyl-Gegner“ in der Berichterstattung unterwegs sind, sind auch die „Asyl-Befürworter“ oder, noch hübscher, die „Pro-Asyl-Demonstranten“ nicht weit. Letzterer Begriff ist eine Erfindung der sächsischen Polizei, die vor allem von den lokalen Medien übernommen wurde. Die Meldungen entbehren nicht einer gewissen Komik:

Pro-Asyl-Teilnehmer in Dresden angegriffen (Dresdner Neuste Nachrichten)

Pro-Asyl-Teilnehmer mit Baseballschläger attackiert (MDR Sachsen)

„Pro-Asyl-Teilnehmer“ wird wiederum synonym verwendet mit „Asyl-Befürworter“:

Nach Angriff auf Asylbefürworter: Ermittlungen gegen vier Verdächtige (afp)

„Asylbefürworter“ – auch dieser Begriff suggeriert, dass Asyl kein Grundrecht ist, sondern eine Angelegenheit, die man so oder so sehen kann. Die Flüchtlinsaktivisten vor dem Heim in Freital haben keine „Pro-Asyl-Demos“ veranstaltet, sondern ein Zeichen gegen Rassimus gesetzt und zum Schutz derjenigen beigetragen, gegen die sich der Hass richtet.

In der vergangenen Nacht gab es einen Brandanschlag auf ein noch unbewohntes Flüchtlingsheim in Meißen. Die ZDF-Nachrichten machten dort „starke Vorbehalte gegenüber der Asylpolitik“ aus. „Wir wollen die hier nicht“, sagte ein besorgter Bürger in die Kamera. Der Wettbewerb um die kreativste Wortschöpfung zur Verharmlosung von Rassismus kann in eine neue Runde zu gehen.

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