Abweichende Realitäten: Die Lokführer, die Medien und die Leser

„Immer weniger Verständnis für die GDL“, titelte in der vergangenen Woche auf dem Höhepunkt des Bahnstreiks tagesschau.de. Nur noch 46 Prozent der vom ARD-Deutschlandtrend Befragten hätten Verständnis für den Streik der Lokführer geäußert, vor vier Wochen seien es noch 54 Prozent gewesen. Dass sich die öffentliche Meinung zum Nachteil der GDL verschoben hat, ist nicht überraschend. Und dennoch ist das Ergebnis der repräsentativen Umfrage bemerkenswert. Denn es bedeutet auch, dass der Streik bei der Bahn trotz der nahezu durchweg negativen Berichterstattung der vergangenen Wochen immer noch bei fast der Hälfte der Befragten auf Verständnis stößt. Klaffen aber veröffentlichte und öffentliche Meinung nicht erheblich auseinander, wenn 46 Prozent der Befragten das Vorgehen der GDL nachvollziehen können, sich aber gefühlte 90 Prozent der Medienlandschaft darauf versteift haben, die Bevölkerung würde von der Gewerkschaft zur Durchsetzung von Partikularinteressen in Geiselhaft genommen? Lohnt es sich vielleicht, einmal darüber nachzudenken, ob sich diese 46 Prozent in den vergangenen Wochen ausgewogen informiert fühlten? Und ist es eigentlich ein gutes Zeichen für den Journalismus, wenn sich die Kommentare und Leitartikel unterschiedlichster Medien zu einem eigentlich kontroversen Thema nur ganz selten inhaltlich voneinander unterscheiden?

Einige selbstkritische Akteure haben angesichts der heftigen Kritik vieler Leser, Zuhörer und Zuschauer an der Ukraine-Berichterstattung vor einer Glaubwürdigkeitskrise etablierter Medien gewarnt. Unter anderem hier und da wurden mehrere Aspekte angesprochen, die dazu führen können, dass der Journalismus bei einem nicht unerheblichen Teil seiner Rezipienten an Vertrauen einbüßt. Dazu gehören: Ein weitgehender Gleichklang in der Berichterstattung, der das Bild vermittelt, es gäbe so etwas wie ein abgesprochenes Unisono. Der Eindruck, Journalisten seien nicht kritische Beobachter des Geschehens, sondern Verbündete der Politik und dadurch selbst Akteure im Konflikt. Und das Gefühl, ein komplexes Problem werde zugunsten einer Konfliktpartei vereinfacht dargestellt, wobei Personalisierung als eine Unterform der Komplexitätsreduktion zu betrachten ist. Ich glaube, es lohnt sich, die Berichterstattung zum Streik einmal vor diesem Hintergrund zu betrachten.

Dabei stellt es natürlich auch eine grobe Vereinfachung dar, von „der Berichterstattung“ zu sprechen, denn „die Medien“ im Sinne eines einheitlichen Kollektivs gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht. Davon abgesehen sind mitunter bei ein und denselben Infoportalen sowohl GDL-kritische als auch – sehr viel seltener – gewerkschaftsfreundliche Artikel erschienen. Geradezu kurios waren die Versuche von stern.de, genervte Bahnfahrer und vom Weselsky-Bashing entsetzte Leser gleichermaßen zu bedienen. Auf dem Höhepunkt der allgemeinen Empörung erklärte man den GDL-Chef zur „Hassfigur Nr. 1 der Republik“. Als die Entgleisungen von Bild und Focus.de dazu führten, dass alle mal ganz kurz innehielten, fragte man zwei Tage später besorgt, woher nur diese schlimme „Pogromstimmung“ gegen den Gewerkschafter komme. Gestern nun griff das Portal Weselsky an, weil er das schlimme P-Wort ebenfalls benutzte – nachdem stern.de und die Hannoversche Allgemeine es verwendet hatten. „Nazi-Vergleiche“ sind schlimm, findet stern.de, und illustrierte das mit einer Bilderreihe Weselsky-Hitler-Gysi:

 

Im Artikel heißt es:

„Man muss schon arg bescheuert, sehr realitätsfern oder noch geschichtsferner sein, wenn man in diesem Land zwei Tage nach dem 9. November diesen Begriff in eigner Sache verwendet.“

Aber zwei Tage vor dem 9. November ist es in Ordnung?

Natürlich ist das Wettrennen um mehr Klicks einer der Mechanismen, der die Skandalisierungsschraube weiter dreht. Das ist bereits im Fall Wullf konstatiert worden, und es gilt auch für den Bahnstreik. Ich glaube aber, dass es jenseits von Bild, Focus.de und stern.de auch betriebswirtschaftlich unklug ist, vor allem die populistische Empörung zu bedienen. Viele Menschen sind gar nicht so unterkomplex strukturiert, dass sie ein Problem nicht über den privaten Horizont hinausdenken. Auch Pendler sind nicht selten Arbeitnehmer. Ein schönes Beispiel dafür, dass viele Medienkonsumenten gar keine Lust hatten, in das Klagelied der meisten Zeitungen und Rundfunkredaktionen über den Bahnstreik einzustimmen, bot eine Anrufsendung bei WDR5 am 6. November. Die Hörer waren dazu aufgefordert, über ihre persönlichen Erlebnisse während des Bahnstreiks zu berichten. Anstatt sich aber über kilometerlange Staus und ausgefallene Züge zu echauffieren, machten sie die Sendung zu einer politischen Debatte über den Arbeitskampf, legten Wert auf die Feststellung, dass der eingeladene Experte vom Fahrgastverband Pro Bahn parteiisch sei und stritten über Details der Tarifauseinandersetzung. Im Forum und auf der Facebook-Seite der Süddeutschen, die bis auf exotische Ausnahmen keinerlei Verständnis für den Streik äußerte, kritisierten viele Leser die Berichterstattung ihrer Zeitung und beschwerten sich über den medialen Einheitschor. Auch auf tagesschau.de häuften sich genervte Leserkommentare. Man muss ja nicht jede dieser Stimmen ernst nehmen. Man muss diese andere Perspektive auch nicht zur Leitlinie der Berichterstattung machen. Aber es ist verblüffend, wie selten sie sich in den vergangenen Wochen in Veröffentlichungen von Journalisten wiedergefunden hat.

Es ist auch der Trend zum Kaputtsparen von Redaktionen, der einem vielfältigen Stimmengewirr in der Medienlandschaft entgegenwirkt. Viele Meldungen, die sowohl von den überregionalen als auch den lokalen Nachrichtenportalen verbreitet wurden, beruhten auf der Darstellung der Presseagenturen. Ich weiß nicht, wie viele Leute man wiederum dort für das Thema abgestellt hat, aber es sind entweder sehr wenige, oder sie sind sich in der Gruppe alle einig. Bei Zeit Online beispielsweise – die sich in ihren redaktionellen Beiträgen durch eine vergleichsweise differenzierte Berichterstattung auszeichnete – erschienen am 4. und 5. November folgende Beiträge, die weitgehend auf Agenturmaterial beruhten:

„GDL will Personenverkehr vier Tage lang bestreiken“

„GDL bestreikt Mauerfall-Jubiläum“

„Bahn nennt geplanten Streik Schikane“

„Weselsky fühlt sich behandelt wie ein Terrorist“

„Die GDL hat jedes Maß verloren“ (als Zitat gekennzeichnet)

„Bahnreisende haben kaum Verständnis für die GDL“

„Forderung nach Vermittler im Bahn-Tarifstreit“

„GDL lehnt Schlichtung ab“

„Merkel appelliert an Verantwortungsbewusstsein“

„GDL lehnt Schlichtungsangebot in letzter Minute ab“ .

Na, lässt sich da eventuell eine gewisse Tendenz ablesen? Um es noch mal zu betonen: Zeit.de gehörte zu den Redaktionen, die dem Agenturen-Einheitsbrei durch redaktionelle Beiträge etwas entgegensetzten, wie man beispielsweise hier und hier sehen kann. Anderswo bestand die Berichterstattung überwiegend aus diesen Meldungen, und in den wenigen redaktionellen Beiträgen schloss man sich der darin vertretenen Linie an. Liebe Verleger, könnt Ihr mir erklären, warum ich Geld für Informationen bezahlen sollte, die ich nahezu identisch in allen anderen Zeitungen und Online-Medien vorfinden kann? Und welchen Anreiz es für diejenigen gab, die die GDL nicht in Bausch und Bogen verdammten, eines Eurer Produkte zu kaufen?

Es waren natürlich nicht nur ökonomische Mechanismen, die die Berichterstattung zum Streik beeinflussten. Viele Journalisten scheinen schlicht davon überzeugt zu sein, dass der Machtzuwachs kleiner Gewerkschaften dieses Land in tiefes Chaos stürzen wird. Ständig wird behauptet, die GDL pervertiere das Streikrecht ausgerechnet dadurch, dass sie es in Anspruch nimmt. Man kann diese Ansicht ja vertreten. Problematisch wird es aber, wenn sie sich auf die gesamte Berichterstattung auswirkt und der Eindruck entsteht, zwischen einem großen Teil der Medien und der Politik gäbe so etwas wie die ganz große Koalition. In der medialen Darstellung ist der Arbeitskampf der GDL von Anfang an mit dem Anliegen der Bundesregierung verwoben worden, das Streikrecht von Spartengewerkschaften einzuschränken. Der Tenor lautete: Die GDL liefere den Beweis dafür, dass die Macht der kleinen Arbeitnehmerorganisationen gebrochen werden muss. Viele Autoren machten aus ihren Kommentaren einen Appell an die Bundesregierung, die GDL endlich zu stoppen. Manche formulierten ihre Forderungen etwas subtiler, aber dennoch eindeutig: Merkel stehe „seit Jahren im Wort“, endlich ein Gesetz zur Tarifeinheit zu erlassen. Politiker wiederum nutzten diese für sie außerordentlich günstige Stimmungslage, um sich als Verteidiger vermeintlicher Gemeinschaftsinteressen zu inszenieren. Bis vor wenigen Wochen hat die Politik es tunlichst vermieden, auch nur den Anschein zu erwecken, sich in laufende Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern einzumischen. Man nennt das Tarifautonomie, und bislang wurde so getan, als sei sie eine heilige Kuh. Im Fall des Lokführer-Streiks wurde Arbeitsministerin Andrea Nahles nicht nur von der CDU dazu aufgefordert, die GDL endlich „zu stoppen“. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, der SPD-Vorsitzende Siegmar Gabriel, Verkehrsminister Alexander Dobrindt und viele andere fühlten sich dazu berufen, die Gewerkschaft über die Medien wie ein ungezogenes Kind zu ermahnen, die Bahn zur Klage aufzurufen oder einen Schlichter zu „fordern“ – obwohl das, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, nicht in ihren Kompetenzbereich fällt. Zwangsschlichtungen gibt es in der Bundesrepublik nicht,  auch nicht bei einem staatseigenen Konzern. Bei der CSU und arbeitgebernahen Stiftungen hält man die Stimmungslage offenbar mittlerweile für so günstig, um sogar einen solch harten Eingriff in das Streikrecht zu fordern bzw. neu auf die Agenda zu setzen. Die Welt ist da wie immer schon einen Schritt weiter und findet: „Die großen Gewerkschaften sind in Wahrheit viel gefährlicher als die kleinen.“

Kritisch reflektiert wurden die Stimmen aus der Politik nur selten. In der Regel hob man sie über Agenturmeldungen ins Blatt bzw. auf die Internetseite; mitunter klopfte man den Politikern für ihr verbales Einschreiten auf die Schulter. „Trotz Merkel-Intervention“ lehne die GDL das Schlichtungsangebot der Bahn ab; „respektlos“ und „rücksichtlos“ sei das, hieß es im Handelsblatt – Formulierungen, die übrigens einer Presseerklärung der Deutschen Bahn entstammten, aber im Vorspann des Artikels nicht als Zitate gekennzeichnet wurden. Auch Formulierungen wie „Nahles gegen das Streikchaos“ vermittelten eine klare Botschaft.

Aufgrund der Gemengelage in diesem Konflikt war die veröffentliche Meinung nicht nur weitgehend deckungsgleich mit dem Standpunkt der Bundesregierung, sondern auch mit der Haltung der Deutschen Bahn AG. In vielen Artikeln wurde suggeriert, das Unternehmen mache ständig neue Zugeständnisse, die GDL schmettere aber jedes Angebot ab. Die Perspektive des Konzerns erhielt in der Berichterstattung breiten Raum, die Sichtweise der GDL wurde verkürzt dargestellt. Ein Beispiel unter vielen ist die Darstellung der Bahn, die Gewerkschaft habe kurz vor einer Einigung einfach die Verhandlungen abgebrochen. Die GDL sah das zwar anders, denn natürlich ist es eine Sache der Sichtweise, was „kurz vor einer Einigung“ bedeutet. Aber wen interessiert das schon? In einem mdr-Beitrag vom 5. November hieß es etwa:

„Der dritte Lokführerstreik in Folge. Hatten die meisten Bahnkunden anfangs noch Verständnis für den Arbeitskampf, kippt die Stimmung jetzt. Viele fühlen sich als Opfer der GDL, die kurz vor einer Einigung mit der Bahn die Verhandlungen in letzter Sekunde platzen ließ.“

So wurde die Interpretation des Konzerns zur journalistischen Deutung der Realität. Das Mantra der Deutschen Bahn hingegen, zwei Tarifverträge für dieselbe Berufsgruppe im Unternehmen seien völlig inakzeptabel, ist wochenlang nicht hinterfragt worden. Private Konkurrenten des Staatskonzerns haben mittlerweile darauf aufmerksam gemacht, dass dieser angeblich unhaltbare Zustand in ihren Unternehmen die Regel ist – nachdem einfach mal jemand auf die Idee gekommen ist, sie danach zu fragen.

Von Anfang an war die Berichterstattung extrem personalisiert und auf die Person Weselsky zugeschnitten. Mitunter konnte man den Eindruck bekommen, die GDL wäre nach dem Führerprinzip organisiert und gehöre allein schon deshalb aufgelöst. Beständig war zudem die Rede davon, der Rückhalt für Weselsky würde bröckeln. Das ist durchaus denkbar, und wenn dem so wäre, sollte selbstverständlich darüber berichtet werden. Allein: Es fehlten die Belege für diese Behauptung. Gerne berief man sich auf die „Initiative für mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der GDL“, nur selten wurde aber erwähnt, dass dieser Guppe ganze sieben Mitglieder angehören. Auch die DGB-Gewerkschaft EVG – selbst Interessenpartei in diesem Konflikt – wurde immer wieder zur nicht weiter hinterfragten Quelle. Ansonsten stützte man sich auf Mutmaßungen und Spekulationen: GDLer werden „offenbar zunehmend skeptisch“ (Spiegel Online), „immer mehr Lokführer ärgern sich“ (ebd.), es gibt „vereinzelte Austritte“ (Tagesthemen), „viele“ Lokführer haben sich krank gemeldet (Kölner Stadtanzeiger).

Ähnlich verhielt es sich mit der These vom „wachsenden Unmut“ in der Bevölkerung, die schon vertreten wurde, bevor die neuen Zahlen des ARD-Deutschlandtrends bekannt waren. Zu ihrer Unterfütterung wurden dann entweder einzelne O-Töne von den Bahnsteigen dieser Republik herangezogen oder „der Shitstorm“ in den sozialen Medien. „Claus Weselsky, das Hassobjekt im Social Web“ freute sich die Welt und versuchte anhand von Twitter- und Facebook-Kommentaren zu belegen, dass die GDL „jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung“ verloren habe. Dass sich in einem Tweed wie #fuckyougdl vor allem genervte Bahnfahrer auskotzen und vereinzelt ihren Gewaltphantasien freien Lauf lassen, ist wenig überraschend. Aber was sagt das schon aus über das Stimmungsbild in „der Bevölkerung“? Bei der Süddeutschen wunderte man sich Anfang Oktober noch über den Rückhalt für die GDL – nicht ohne ihre Leser darüber zu belehren, dass eine solche Solidarität vollkommen „irre“ sei: „Die Mehrheit der Bürger zeigt Verständnis für einen Streik der Lokführer. Dabei verstehen sie nicht, dass es in dem Konflikt bisher nur um Macht ging“, hieß es dort, und am Beispiel von Lukas, dem Lokomotivführer, wurde den damals noch dummen 54 Prozent der Bevölkerung geduldig erklärt, warum sie die Dinge einfach nur noch nicht richtig durchblickt hatten.

Wenn der Eindruck entsteht, dass sich viele Journalisten mit den Mächtigen in diesem Land gemein machen, hat der Journalismus ein Problem. Deswegen ist es ein gutes Zeichen, dass die Berichterstattung in dem Moment wieder ein wenig pluralistischer wurde, als der Kampf um die Krone bei der Weselsky-Hatz zwischen Focus Online und Bild immer unappetitlichere Züge annahm. Das fanden auch viele Journalisten abstoßend, und selbst der DJV mahnte daraufhin eine ausgewogene Berichterstattung an. Bei Deutschlandfunk, Spiegel Online, Zeit Online, ntv.de, Tagesschau.de und an vielen anderen Stellen sind kurz danach Beiträge erschienen, die einen Kontrapunkt setzten. Ob es sich dabei um ein kurzes Anschreiben gegen den Mainstream handelte oder sich diese andere Perpektive zukünftig stärker im medialen Diskurs etablieren kann, wird sich zeigen – denn noch ist dieser Konflikt nicht beigelegt. Es verlangt ja niemand, dass nun plötzlich alle anfangen, sich für den konsequenten Arbeitskampf zu bedanken und die Gewerkschaft über den grünen Klee zu loben. Und es ist ja auch nicht so, als ob nicht vorher schon mal hier und da jemand einen konträren Standpunkt eingenommen hätte. Es war nur eine verschwindend geringe Minderheit. Jedenfalls weit weniger als 46 Prozent.